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Alltag

Berlin im Rausch von Magnesiummangel und Wadenkrampf

Berlin im Rausch von Magnesiummangel und Wadenkrampf

Die Sonne strahlt über der Hauptstadt, als hätte Petrus persönlich den perfekten Altweibersommer bestellt. 

Eigentlich ist es ein Traumwetter. Uneigentlich läuft in dieser Stadt stellenweise absolut gar nichts mehr.

Wer heute versucht, einen Bus der BVG zu erwischen, erntet nur das leise Summen von abgestellten Motoren. Und die U-Bahnhöfe? Verrammelt und verriegelt. Die Taxifahrer haben kollektiv beschlossen, dass die Innenstadt heute eine unüberwindbare Mauer ist, und trinken irgendwo im Umland entspannt Kaffee. Und die Cafés in Mitte? Die Stühle stehen einladend in der Sonne, die Kellner polieren gelangweilt Gläser und warten auf Kundschaft, die niemals kommen wird, weil niemand die Straßenseite wechseln kann. Eine Barriere aus schreienden und johlenden Menschen. 

Zwischendurch verirrt sich eine Luxuslimousine auch noch gegen den Verkehr. Die freundlich winkenden Polizisten erklären dann dem Fahrer, was er falsch gemacht hat. Heute wird eben gelaufen, frei nach dem Song von Amanda Lear – run Baby run……

Berlin steht still, weil sich zehntausende Menschen freiwillig wehtun. Es ist Marathon-Sonntag.

Mittendrin schmiegt sich das wahre Leben in seiner ganzen ungeschminkten Pracht an den Asphalt. Die Waden fühlen sich nach den ersten Kilometern an wie massiver Beton und die körpereigenen Magnesiumspeicher haben schon am Ku’damm kapituliert. Jeder Schritt wird von einem leisen, rhythmischen „Aua, mein Muskel zuckt“ begleitet. Aber aufgeben? Niemals. Wenn Berlin schon mal stillsteht, dann wird hier auch durchgezogen.

42 Kilometer Schweiß, verklebte Power-Gels und die tiefe philosophische Erkenntnis, dass der Mensch zu 70 Prozent aus Wasser und zu 30 Prozent aus purem Willen besteht. Am Straßenrand brüllen wildfremde Menschen mit Pappschildern und Bananenstücken, als ginge es um das Überleben der Menschheit.

Am Ende, hinter dem Brandenburger Tor, wird natürlich nur eine Handvoll Profis ganz oben auf dem Treppchen stehen. Die breite Masse humpelt ins Ziel, riecht wie eine Textilfabrik nach dem Schichtwechsel und hat den Blick eines Überlebenden. Aber genau das ist ja der Witz an der Sache für jeden Einzelnen, der diese Ziellinie überquert. Es fühlt sich nach der absoluten Bestnote an. Die persönliche Goldmedaille im Überwinden des inneren Schweinehunds und auch da gehört Mut dazu.

Und während man sich mit steifen Beinen in die nächste Wiese fallen lässt, oder in die bereitgestellten Liegestühle, so dämmert es einem, dass das hier gar kein Ausnahmezustand ist. Es ist eigentlich wie jeden Tag, denn auch abseits der abgesperrten Straßen, im ganz normalen Alltag, bleibt das eigene Leben ein verdammt langer Marathon. Manchmal fehlen die Busse, die S-Bahn findet die Gleise nicht mehr, die U-Bahn will nicht und manchmal fehlt das Magnesium, aber solange man weiterläuft, kommt man irgendwann ans Ziel.

Glückwunsch an die Gewinner und Mutigen.

Euer Beobachter Thomas de Vachroi 

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