Schluss mit der pauschalen Boomer-Schelte

Ich bin es leid. Und ja, es ist unanständig, die sogenannte Boomer-Generation pauschal zu diskreditieren.
In öffentlichen Debatten wird inzwischen gern so getan, als seien die „Boomer“ an nahezu allem schuld, an steigenden Mieten, unsicheren Renten, Klimaproblemen, politischen Versäumnissen und einer angeblich veralteten Gesellschaft.
Eine ganze Generation wird dabei zum Sündenbock gemacht. Das mag zugespitzt, medienwirksam und manchmal sogar unterhaltsam sein, aber gerecht ist es nicht.
Denn die Menschen, über die so abwertend gesprochen wird, sind keine einheitliche Gruppe.
Sie alle haben unterschiedliche Lebensgeschichten, Berufe, politische Überzeugungen und soziale Hintergründe. Viele von ihnen haben unter Bedingungen gearbeitet, die heute kaum noch vorstellbar sind: mit langen Arbeitszeiten, geringer sozialer Absicherung und deutlich weniger Schutz vor Krankheit, Arbeitslosigkeit und Kündigung.
Arbeiten unter deutlich härteren Bedingungen, denn Arbeitsschutz war kein selbstverständlicher Bestandteil des Berufslebens, sondern musste über Jahrzehnte hinweg aufgebaut und erkämpft werden. In vielen Branchen gab es anfangs weder die Sicherheitsstandards noch die gesetzlichen Regelungen, die heute zumindest auf dem Papier gelten.
Auch Tariflöhne waren keineswegs überall selbstverständlich. Viele Beschäftigte mussten sich mit niedrigen Löhnen, unsicheren Arbeitsverhältnissen und einer schwachen Verhandlungsposition arrangieren. Von einer 35 Stunden-Woche ganz zu schweigen. Lange Arbeitszeiten waren für viele Menschen normal, ebenso Schichtarbeit, Überstunden und die Erwartung, trotz Belastung zuverlässig zu funktionieren.
Dass der Krankenstand in früheren Zeiten teilweise extrem niedrig erschien, darf deshalb nicht vorschnell als Zeichen einer besonders gesunden und leistungsfähigen Arbeitswelt gedeutet werden. Viele Menschen gingen krank zur Arbeit, weil sie sich einen Ausfall nicht leisten konnten oder Angst um ihren Arbeitsplatz hatten.
Der Kündigungsschutz wurde erst nach und nach ausgebaut. Wer krank war oder seine Arbeitskraft nicht mehr uneingeschränkt zur Verfügung stellen konnte, musste häufig mit erheblichen beruflichen und finanziellen Folgen rechnen.
Ein niedriger Krankenstand war daher nicht automatisch ein Beweis für bessere Arbeitsmoral. Er war oft auch Ausdruck von Druck, Unsicherheit und fehlender Absicherung.
Ohne ihre Arbeit wäre Deutschland nicht dort, wo es heute ist.
Die Generation der Babyboomer hat über viele Jahrzehnte an dem Land mitgebaut, in dem wir heute leben. Sie hat unter schwierigen Bedingungen gearbeitet, Familien versorgt, Betriebe aufgebaut, Kinder großgezogen, Vereine getragen und sich in Gemeinden, Gewerkschaften, Kirchen oder sozialen Initiativen engagiert.
Viele Menschen dieser Generation haben für Verbesserungen gekämpft, von denen heute andere profitieren. Für mehr Arbeitsschutz, bessere Löhne, kürzere Arbeitszeiten, stärkere Mitbestimmung und einen verlässlicheren Kündigungsschutz. Diese Fortschritte sind nicht einfach entstanden. Sie wurden durch Arbeitskämpfe, Verhandlungen, politische Entscheidungen und den langen Atem vieler Beschäftigter erreicht.
Die Republik in der wir leben, ist nicht vom Himmel gefallen. Sie wurde von Menschen aufgebaut, die jeden Morgen zur Arbeit gegangen sind, Steuern gezahlt, Beiträge geleistet und Verantwortung übernommen haben. Dazu gehören auch jene, die heute als „Boomer“, teilweise auch durch den Mainstream abgewertet werden.
Viele jüngere Menschen nutzen selbstverständlich Infrastrukturen und Errungenschaften, die von früheren Generationen geschaffen oder finanziert wurden. Schulen und Universitäten, das Gesundheitswesen, die soziale Sicherung, der öffentliche Dienst, kulturelle Einrichtungen und wirtschaftliche Strukturen sind Ergebnisse jahrzehntelanger Arbeit. Sie sind nicht perfekt, aber sie bilden die Grundlage unseres heutigen Lebens.
Eine demokratische Gesellschaft muss politische Entscheidungen kritisieren dürfen. Sie muss darüber sprechen, warum Wohnraum fehlt, warum Pflegekräfte überlastet sind, warum Rentenfragen ungelöst bleiben und warum der Klimaschutz nicht entschlossener vorankommt.
Aber Kritik an politischen Entscheidungen ist etwas anderes als die Verachtung von Millionen Menschen. Wer pauschal von den „Boomern“ spricht, macht aus einzelnen Problemen einen Generationenkonflikt. Das hilft niemandem, weder den Jüngeren noch den Älteren.
Auch viele ältere Menschen sind von steigenden Preisen, hohen Mieten, Einsamkeit und unsicheren Lebensverhältnissen betroffen. Nicht jeder Rentner oder Rentnerin besitzt ein großes Haus oder verfügt über ein komfortables finanzielles Polster. Viele Menschen dieser Generation haben ihr Leben lang gearbeitet und müssen trotzdem jeden Euro umdrehen.
Wer so tut, als lebten alle Älteren im Wohlstand, blendet die hohe Altersarmut und soziale Ungleichheit aus. Und wer alle Jüngeren als faule Anspruchsberechtigte darstellt, liegt ebenso falsch. In jeder Generation gibt es Menschen mit Privilegien und Menschen, die kämpfen müssen.
Eine Gesellschaft, die aber nur noch Schuldige sucht, verliert den Blick für gemeinsame Verantwortung. Die Herausforderungen unserer Zeit lassen sich nicht lösen, indem Jung gegen Alt ausgespielt wird.
Junge Menschen brauchen Chancen, bezahlbaren Wohnraum, gute Bildung und sichere Arbeitsbedingungen. Ältere Menschen brauchen Respekt, eine verlässliche Rente, gute Pflege und gesellschaftliche Teilhabe. Beides gehört unweigerlich zusammen.
Die Generationen sollten nicht gegeneinander kämpfen, sondern miteinander sprechen. Die Älteren können Erfahrungen weitergeben. Die Jüngeren können neue Perspektiven und notwendige Veränderungen einbringen. Eine solche Zusammenarbeit setzt allerdings voraus, dass niemand pauschal entwürdigt wird.
Es geht nicht darum, jede Entscheidung früherer Jahrzehnte zu verklären. Dankbarkeit darf nicht bedeuten, Fehler zu verschweigen. Aber eine faire Betrachtung muss beides können, nämlich die Erfolge anerkennen und auch Versäumnisse benennen.
Wer die Boomer pauschal beschimpft, macht es sich zu leicht. Er ersetzt historische Einordnung durch ein Feindbild. Dabei vergessen wir, dass jede Generation in ihrer Zeit mit den Möglichkeiten, Krisen und Grenzen umgehen musste, die sie vorfand.
Ohne den Fleiß, die Ausdauer und die Lebensleistung vieler Menschen dieser Generation wäre unser Land heute zweifellos eine anderes. Vielleicht wäre es an manchen Stellen besser entwickelt, vielleicht wäre es an anderen Stellen schlechter aufgestellt. Sicher ist jedoch, die Gegenwart beruht auch auf ihrer Arbeit.
Darum sollten wir aufhören, ganze Generationen zu beleidigen. Wir können über Fehler sprechen, ohne Menschen zu verachten. Wir können Veränderung fordern, ohne die Vergangenheit zu verleugnen. Und ja, wir können eine bessere Zukunft gestalten, ohne diejenigen zu vergessen, die an der bisherigen mitgebaut haben.
„Denn eine Gesellschaft zeigt ihre Reife nicht darin, wie laut sie über andere urteilt. Sie zeigt sie darin, ob sie unterschiedliche Generationen zusammenführen kann.“
@Thomas de Vachroi
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